Leistenbruch
Bei der Geburt haben die meisten Jungen zwei Schwachstellen in
der Bauchwand. Sie entstehen schon im Mutterleib, wenn der Hoden
samt Samenleitern und Blutbahnen von der Nierengegend durch die
Leiste in den Hodensack wandert.
Normalerweise verschließen sich die sogenannten Leistenkanäle
im ersten Lebensjahr wieder. Bei jedem vierten aber bleiben sie
offen - weiche Stellen, an denen die Muskulatur oder das Bindegewebe
einreißen kann. Zehnmal häufiger als Frauen sind Männer
deshalb in der Leiste anatomisch geschwächt. Und stellen die
große Mehrheit der über 200 000 Patienten, die jedes
Jahr in Deutschland wegen eines Leistenbruchs operiert werden.
Nötig wird der Eingriff, wenn sich das Bauchfell oder gar innere
Organe durch die Schwachstellen so stark hervorwölben, dass
ein Bruch entsteht. Hernie nennen Mediziner einen solchen
Austritt durch die Bauchhöhle - nach dem griechischen Wort
für Knospe. Eine kleine Lücke merken Betroffene meist
entweder gar nicht oder nur durch ein Ziehen beziehungsweise einen
leichten Druck in der Leiste, wenn sie etwas anheben oder husten
und dadurch der Druck im Bauchraum steigt. Größere Brüche
schmerzen und sind bereits ohne große Belastung im Stehen
zu sehen und als Beule zu ertasten.
In seltenen Fällen wird der Leistenbruch sogar zum Notfall:
wenn sich auch Teile des Darms ihren Weg durch das Bauchfell nach
draußen gebahnt haben, die Eingeweide in der Lücke festklemmen
und nicht mehr ausreichend durchblutet sind. Eine solche "Inkarzeration"
bereitet kaum erträgliche Schmerzen. Der Betroffene muss innerhalb
von sechs Stunden operiert werden.
Nicht bei allen Leistenbrüchen ist ein chirurgischer Eingriff
nötig. Doch etwa 70 Prozent der Hernien, an denen vor allem
Kinder und Jugendliche leiden, sind angeboren. Diese müssen
operiert werden, sonst vergrößert sich der Defekt und
erhöht das Risiko für eine Einklemmung. Anders sieht es
bei erworbenen Leistenbrüchen aus, die Folge einer Bindegewebsstörung
sind - und überwiegend bei älteren Menschen auftreten.
Sie seien meist ungefährlich und müssten zumindest aus
medizinischer Sicht nicht unbedingt operiert werden, so Arlt. Leider
sei die Ursache schwer zu erkennen. Man kann weder klinisch von
außen noch mit dem Ultraschall sehen, ob es sich um eine angeborene
oder eine erworbene Hernie handelt. Wenn der Patient also Sicherheit
haben möchte, kommt er um eine Operation nicht herum. Denn
ein Bruch verschließt sich niemals von allein wieder - kann
sich aber weiter vergrößern.
Es gibt drei verschiedene Operationsverfahren
1. Der offenen Methode "nach Shouldice": Der Chirurg
schneidet die Haut über dem Bruch auf und verstärkt an
der Stelle die Bauchwand, indem er ihre Schichten übereinanderlegt
und doppelt mit speziellen Nähten sichert.
2. Der offenen Methode mit Netz "nach Lichtenstein":
Statt mit Nähten wird die Schwachstelle mit einem Kunststoffnetz
verstärkt. Diese Operation wird vor allem bei großen
Brüchen angewendet - oder wenn sich ein bereits operierter
Bruch wieder geöffnet hat.
3. Der minimal-invasiven Methode mit Netz (über eine Bauchspiegelung):
Durch drei kleine Schnitte in der Nähe des Nabels führt
der Operateur Instrumente und eine Videokamera in die Bauchhöhle
und verstärkt die Bauchwand von innen mit einem Kunststoffnetz.
Bei diesem Eingriff können beide Leistenregionen gleichzeitig
betrachtet und gegebenenfalls behandelt werden, deshalb eignet er
sich gut für beidseitige Brüche.
Darüber, welche der drei Methoden die beste ist, sind sich
die Experten auch nach mehrjährigen Fachdebatten nicht einig.
Selbst große Vergleichsstudien konnten keinen deutlichen Vorteil
für das eine oder andere Verfahren feststellen. Klar ist bislang,
dass sich der Einsatz von Netzen bei großen Brüchen älterer
Menschen sehr gut eignet, bei jugendlichen Patienten mit kleinen
angeborenen Hernien aber oft nicht nötig ist.
Wichtiger für den Erfolg sei nicht die Art der Operation, sondern
die Erfahrung des Chirurge. Sucht ein Patient nach einem guten Operateur,
sollte er ihn - egal bei welcher Methode - immer vorher fragen,
wo er sie gelernt hat, und vor allem, wie oft er sie anwendet. Das
gilt besonders für die minimal-invasive Methode. Wenn man die
nicht wirklich beherrsche, zieht sie viele schwerwiegendere Komplikationen
nach sich, als sie bei offenen Operationen über einen Schnitt
in der Leiste zu beobachten sind: Der Darm oder größere
Blutgefäße könnten verletzt werden, der Patient
so in einen lebensgefährlichen Zustand geraten.
Zudem müsse man den minimalinvasiven Eingriff immer in Vollnarkose
durchführen, während die offene Operation auch bei lokaler
oder rückenmarksnaher Betäubung möglich ist. Doch
auch dabei könne man viel falsch machen - zum Beispiel den
Samenleiter oder die Blutbahnen anritzen, die den Hoden versorgen.
Tragische Folgen hat das vor allem, wenn der Hoden nicht mehr richtig
durchblutet wird. Dann nämlich kommt es zu einer sehr schmerzhaften
Schwellung des Samenstrangs und Hoden, der später bis auf Kirschkerngröße
verkümmern kann.
An und für sich sind Komplikationen jedoch eher selten. Deren
Rate erreicht bei keiner der drei Methoden zwei Prozent. Die Quote
der Rezidive, also der sich wieder öffnenden Brüche, ist
ebenfalls bei allen Operationsverfahren annähernd gleich hoch.
Ungelöst ist die Frage, weshalb nach kontrollierten Studien
theoretisch zwischen ein und fünf Prozent der operierten Patienten
erneut unters Messer müssen, es tatsächlich aber in allen
westlichen Ländern etwa 15 Prozent sind. Warum das so ist,
weis man heute nicht. Eine Theorie könnte sein, dass überall
so lausig operiert wird. Eine andere, dass es viel mehr Menschen
als bisher angenommen gibt, die eine solche Bindegewebsstörung
haben, wie sie für die erworbenen Leistenbrüche verantwortlich
ist. Dass sie also zunächst wegen eines angeborenen und später
noch einmal wegen eines erworbenen Bruchs operiert werden müssten.
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